Ja, ja, ich weiß – es war lange still hier.
Aber das war ja angekündigt. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass man sich nicht auf meine Regelmäßigkeit verlassen sollte.
Aber hey, hier bin ich wieder!
Was ist passiert?
Bevor ich anfange zu erzählen, ein kurzer Hinweis zur Bildauswahl in diesem Beitrag:
Ihr findet eine kleine Bilderrückschau auf das Jahr 2025 und für jeden Monat, meines 365-Tage-Projekts im Jahr 2025 ein Bild, dass mir viel wert ist.
Und nun zum Eigentlichen:
Ich habe es getan…
Ich habe einen neuen Job.
Ich habe 24,5 Jahre in einem riesigen und sehr erfolgreichen Jugendhilfe- und Bildungsbetrieb gearbeitet.
Ich hatte unglaublich viel Glück und durfte in diesen fast 25 Jahren sehr viel erleben. Ich konnte das Unternehmen aus allen Perspektiven kennenlernen.
Ich bekam viele Möglichkeiten – und ich habe sie genutzt.
Ich bekam viel Vertrauen, und in den letzten 9,5 Jahren war ich für rund 250 Mitarbeitende, zwei Hände voll Außenstellen und vieles mehr zuständig.
Ich mochte meinen Job und ich mochte meine Mitarbeitenden.
Jedoch wurden mit der Zeit die Aufgaben und Verantwortlichkeiten immer größer.
- Ich kam oft spät nach Hause, war ständig getrieben und hatte dauerhaft ein schlechtes Gewissen. Irgendetwas blieb immer liegen.
- Ich hatte zu wenig Zeit für meine Leute, und oft hatte ich ein ungutes Gefühl, wenn das wirtschaftliche Ergebnis nicht gepasst hat.
- Während ich das hier schreibe, meine ich wieder diesen negativen Herzschlag zu spüren.
- Ich saß jeden Tag – wenn es gut lief – 1,5 Stunden im Auto, meistens aber länger.
- Immer telefonierend, und während der Fahrt noch mit einem Blick auf meine Mails, immer mit dem Gedanken:
„Was kommt heute wohl noch für eine Katastrophe ums Eck.“
Und da konnte viel kommen. Auch am Freitagnachmittag trudelten noch Ankündigungen für die kommende Woche ein, die schnell bearbeitet werden mussten.
Ich hatte extrem wichtige Projekte auf dem Tisch, bei denen ich das Gefühl hatte: „Es darf auf gar keinen Fall etwas schiefgehen.
Du musst das kontrollieren.
Am besten kümmerst du dich selbst darum.“
Und nach außen sollte ich dabei am besten immer mit einem entspannten, beruhigenden Lächeln auftreten…
Es geht mir hier nicht darum zu jammern. Das alles gehört dazu.
Denn die andere Seite, wenn man wichtig ist, kannte ich ja auch:
Ich hatte es gut, ich durfte wichtige Leute treffen, mir wurde zugehört und meine Meinung hatte Gewicht.
Gleichzeitig merkte ich aber, dass es mich auszehrte.
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Wenn ich morgens – noch aus der Dusche kommend – auf das Diensthandy blickte und sah, dass schon die ersten Anrufe eingegangen waren.
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Wenn am Freitagabend noch ein Anruf kam und ich dachte: „Oh, hoffentlich nichts Schlimmes.“
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Wenn ich auf dem Weg von einem Termin zum nächsten feststellte: „Ich habe meine Mails nicht gescannt, hoffentlich wollte niemand Wichtiges schnell etwas von mir.“
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Wenn ich die rot markierten Mails von sehr wichtigen Personen öffnete und mir währenddessen dachte: „Oh mein Gott, wie soll ich das denn jetzt in der kurzen Zeit noch schaffen?“
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Wenn ich nach Hause meldete: „Sorry, wird später – wartet nicht mit dem Essen“ oder „Es wird heute sehr spät…“
Im Spätsommer 2025 habe ich meine Kündigung geschrieben, und seit dem 01.02.2026 bin ich nicht mehr im Unternehmen.
Ich habe meine Führungsposition abgegeben und meinen Job gewechselt – nach 24,5 Jahren, mit 56 Jahren.
Ich wurde von meinen Kolleginnen und Kollegen unglaublich herzlich und wertschätzend verabschiedet. Dafür bin ich sehr dankbar.
Eine der Rückmeldungen, die ich bekommen habe, war, ich sei menschlich und authentisch gewesen. Diese Worte haben mich sehr gefreut. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, dass ich etwas anderes
wollte als zu verwalten. Ich mag Menschen, und ich mag es, wenn ich ihnen weiterhelfen kann. Doch genau das kam in meiner letzten Tätigkeit immer seltener vor.
Deshalb habe ich nun eine neue Aufgabe übernommen:
Ich bin gelernter Sozialpädagoge und arbeite jetzt beim Jugendamt direkt mit jungen Menschen und ihren Familien.
Diese Aufgabe habe ich mir ganz bewusst ausgesucht.
Ich habe keine Führungsposition mehr und auch keine Mitarbeiterverantwortung. Und ich genieße es, nicht mehr darüber sprechen zu müssen,
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wie fehlende Mitarbeitende aufgetrieben werden sollen,
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wie etwas wirtschaftlich zu stemmen ist,
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wie man etwas wirtschaftlich macht, das kaum wirtschaftlich zu machen ist, oder
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wie man auf die Schnelle noch etwas Unmögliches möglich machen soll.
Stattdessen darf ich wieder qualitativ am Menschen arbeiten.
Ich habe keinen schicken Dienstwagen mehr und fahre seit zwei Monaten täglich 35 Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit und 40 Minuten wieder nach Hause. Wow, welch ein Gesundheitsschub.
Und wenn es regnet, nutze ich die Öffentlichen.
Ich lebe in einer Großstadt mit Straßenbahnen und Bussen und kann endlich, ohne ein Auto zu besitzen, zur Arbeit kommen (welch ein Luxus).
Mit meinen 56 Jahren lerne ich neue Dokumentationssoftware kennen und passe mich an die Abläufe meines neuen Arbeitgebers an.
Ich spreche mit Kindern und Familien und begegne Menschen, denen es nicht gut geht.
Ich mache mir keine Illusionen: Mein neuer Job wird nicht einfach.
Aber ich bin mir sicher, dass mehr Sinn dahintersteckt, dass ich direkter helfen kann und mir mehr Zeit dafür nehmen darf als vorher und qualitativ hochwertig arbeiten darf.
Es stimmt, ich bin noch in der Einarbeitung, aber ich merke, dass alles anders ist.
Mein neuer Arbeitgeber hat ein sehr gutes, strukturiertes Konzept und eine großartige Einarbeitung.
Ich bin mir sicher, dass ich hier eine Aufgabe habe, die mich fordert, aber nicht überfordert.
Und ich bin mir sicher, dass ich meine Stärken einbringen kann.
Ich bin ein gleichberechtigtes Mitglied eines wunderbaren Teams.
Von all meinen neuen Kolleginnen und Kollegen bin ich unglaublich herzlich und wertschätzend begrüßt worden.
Ich bin – fast – der Älteste, aber ich wurde sofort als gleichwertiges Teammitglied aufgenommen, so wie ich bin. Mittlerweile fühle ich mich wirklich als Teil des Teams. Es ist unglaublich
erfrischend, mit diesen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten.
Es ist erfrischend, ihre Jugend und Progressivität zu spüren, und ich fühle mich in ihrer Gesellschaft selbst wieder jünger.
Ich kann in die Rolle des Lernenden gehen, und ich muss sagen:
Das erdet mich.
Manchmal fühlt es sich schwierig an, wenn ich nicht weiterweiß, aber es fühlt sich auch großartig an, wenn ich Neues lerne.
Ich kann mir wieder Zeit für die Menschen nehmen und arbeite mich in meine Fälle ein. Ich werde fachlich einbezogen, und meine Meinung sowie meine Sichtweisen werden wahrgenommen – nicht, weil
ich Vorgesetzter bin, sondern weil ich Kollege bin. Ich merke, dass ich wieder sozialpädagogisch denke und arbeite. Das ist wirklich sehr schön und gibt meinem Leben Sinn.
Ich erfasse meine Arbeitszeit, und alles, was über die Wochenarbeitszeit hinausgeht, gilt als Überstunde, die ich ansammeln und wieder abbauen kann. (Überstunden gab es früher nicht …)
Natürlich sind die Fälle nicht ohne, aber hey – ich kann etwas verändern, und das Ergebnis zielt darauf ab, jungen Menschen und ihren Familien zu helfen.
Dieses sogenannte Downshifting ist ein Weg, den wahrscheinlich nur wenige gehen, aber doch mehr, als viele denken.
Viele werden es nicht verstehen können.
Ich mache das alles jedoch nicht, um verstanden zu werden. Ich mache es, weil ich lange darüber nachgedacht habe, weil ich mir des Risikos bewusst bin, weil ich mehr auf mich achten möchte und
weil ich es wirklich wollte.
Ich möchte mit (wahrscheinlich) 67 – also in 11 bis 12 Jahren – in Rente gehen und gesund sein. Ich möchte keinen Herzinfarkt bekommen, auch einen Burnout will ich vermeiden und nicht mit einem
Bandscheibenvorfall angeschlagen in den Ruhestand gehen. Ich möchte zufriedener und ausgeglichener sein und das Gefühl haben, selbst etwas zum Besseren beigetragen zu haben – und nicht nur
wichtig dahergeredet zu haben.
Ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickelt.








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Edeline (Samstag, 11 April 2026 15:53)
Schön, wieder von dir zu hören. Toll, dass Du Dich gewagt hast nach so langer Zeit nochmal einen neuen Schritt zu gehen. Viel Erfolg in Deinem neuen Job! LG Edeline
Karo (Sonntag, 12 April 2026 11:41)
Dein Text hat mich berührt. Ich habe gerade die Serie This is going to hurt gesehen und ich meine da Parallelen zu finden. Natürlich auch ganz anders, weil fürs Fernsehen, weil andere Protagonisten mit anderen Entscheidungen und weil es im britischen Gesundheitssystem spielt.
Wünsche alles Gute für den neuen Einsatzbereich!
Jürgen (Sonntag, 12 April 2026 12:22)
Liebe Edeline,
liebe Karo,
Vielen Dank für die guten Wünsche.
kaesedurst (Sonntag, 12 April 2026 20:56)
Alles Gute dir für den neuen Lebensabschnitt!
Werner (Montag, 13 April 2026 11:35)
Ich gratuliere dir zu diesem Schritt von Herzen und wünsche dir ebenso alles erdenklich Gute! - Viele von uns kennen diese Gefühle, die du beschreibst nur zu gut. Sie sind Symptome einer Arbeitswelt, die nur noch wenig am "Menschen" orientiert ist (auch wenn sich viele Arbeitgeber gegen diese Aussage verwehren werden). Es zählt nur der Homo Öconomicus: Sauber, glatt, profitbringend, ziel- und konsumorientiert. Deine Gründe sind weitgehend auch meine, mit denen ich mein Leben im letzten Jahr auch umgekrempelt habe. Ein paar Jahre älter als du (63) habe ich mich entschlossen, einen "Teil-Vorruhestand" anzugehen, aus der Verantwortung zu treten und "zurück ins Glied" zu gehen. Und alles fühlt sich gut und richtig an: Zeit für Familie, Leidenschaften und das Leben!
Nochmal: Alles Gute für dich
Werner
Sari (Mittwoch, 15 April 2026 09:34)
Wow, 25 Jahre! Was für ein Brocken und dabei nach all der Zeit so liebes Feedback zu bekommen, spricht für die Leidenschaft, die du in diesen Beruf gesteckt hast. Aber ich kann dich so gut verstehen, warum du nun diesen neuen Weg gegangen bist und wünsche dir für diesen nur das Beste!
Mesalunita (Mittwoch, 15 April 2026 10:30)
Ich finde deinen Schritt wirklich mutig und richtig. Ich habe damals nach knapp 15 Jahren meinen Job gewechselt und bisher auch nicht ein mal bereut, wobei meine Beweggründe etwas anders waren als deine. Aber du hast es richtig eingesehen: Geld und Anerkennung sind eben nicht das Wichtigste im Leben. Es kommt auch auf die Nebenbedingungen an, ob diese zum Leben passen. Alles richtig gemacht, viel Glück weiterhin!
Jürgen (Donnerstag, 16 April 2026 11:09)
Lieber Werner,
liebe Sari,
herzlichen Dank für die schöne Rückmeldung und die Wünsche.
Jürgen (Donnerstag, 16 April 2026 11:12)
Lieber Kaesedurst,
liebe Mesalunita,
vielen Dank für eure schönen Worte.
Julia (Freitag, 17 April 2026 17:56)
Es war bestimmt die richtige Entscheidung.
Dirk Trampedach (Montag, 18 Mai 2026 19:23)
Tja, lieber Jürgen,
das sieht nach einer spannenden, reichen Zeit aus bei Dir! Für mich sind die Zeitensprünge deines Blogs ok, denn sie entsprechen Dir und deinem Rhythmus - mehr geht nicht. Zu allem Neuen und Abenteuerlichen, was Dich so umspült, wünsche ich Dir alles erdenklich Gute!
Herzlich, Dirk